Ein Auslandspraktikum im norwegischen Trondheim


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Das heutzutage im Trend liegende „Networking“ gehörte unter den Handwerkern bereits im Mittelalter zur gängigen Praxis, so auch unter den Steinmetzen. Die Bauhütten und Baumeister der Kathedralkirchen der oberrheinischen Region pflegten seit den Bauanfängen einen regelmäßigen Kontakt und regen Austausch. Dieser setzt sich bis heute fort, sowohl im wissenschaftlichen als auch im handwerklichen Bereich – und das auf europäischer Ebene. So konnte Ilka Wieber (17), Auszubildende in der Freiburger Münsterbauhütte, im Dezember im Rahmen des Erasmus-Programms einen dreiwöchigen Austausch absolvieren und bei den Steinmetzen im norwegischen Trondheim reinschnuppern.
Die Wanderschaft von Handwerksgesellen war früher eine der Voraussetzungen, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Die jungen Menschen sollten die Arbeitspraktiken an anderen Orten kennenlernen und Lebenserfahrung sammeln. Auch im 21. Jahrhundert stehen diese beiden Gedanken oft im Vordergrund, wenn Auszubildende oder Studierende am Erasmus-Projekt teilnehmen. So berichtet Ilka Wieber: „Ich habe fachlich viel gelernt, weil die Arbeitsweisen in der Trondheimer Bauhütte anders sind und auch andere Werkzeuge verwendet werden. Außerdem war es menschlich eine tolle Erfahrung“.
 
Ilka betont, dass sie sehr froh ist um die Unterstützung, die sie im Vorfeld erhalten hat – und zwar von vielen Seiten: moralisch und organisatorisch von den Eltern, fachlich und kommunikativ von der Münsterbauhütte, finanziell und administrativ von der Handwerkskammer.
 
Der Kontakt zwischen der Freiburger Münsterbauhütte und der Handwerkskammer Freiburg ist ein sehr enger. 2013 wurde ein Kooperationsvertrag unterzeichnet, der die Fortsetzung der Verbundenheit zwischen regionalem Handwerk und Freiburger Münster im Geiste der über Jahrhunderte währenden Tradition fortschreiben soll. Von der Finanzierung über die Planung durch die Baumeister bis hin zum eigentlichen Bau – das Münster ist seit Jahrhunderten ein in Stein gemeißeltes Wahrzeichen des regionalen Handwerks. Das Freiburger Münster steht aber auch für das europäische Miteinander. Bereits in seiner Entstehungsphase zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert war die Baustelle des Münsters ein Zusammentreffen von Handwerkern aus weiten Teilen Europas. „Als Kammer unterstützen wir die Betriebe, weil der grenzüberschreitende Erfahrungsaustausch ein hervorragendes Instrument ist, die Ausbildung attraktiver zu machen. Außerdem können die Betriebe von der fachlichen Weiterentwicklung ihrer Auszubildenden nur profitieren“, so Heike Schierbaum, Projektleiterin bei der Handwerkskammer Freiburg.
 
Auf die Frage, weshalb sie gerade nach Trondheim in Norwegen gehen wollte, antwortet Ilka: „Ich wollte gerne in ein nördliches Land gehen – den Süden lernt man eher mal kennen durch Urlaub usw. Außerdem wollte ich mein Praktikum in einem Land machen, in dem entweder jemand Deutsch spricht oder wo ich mit Englisch gut klarkomme“. Da kam die Verbindung der Freiburger Bauhütte zur Bauhütte des Nidarosdoms in Trondheim gerade recht. Sie wird u. a. über die Europäische Dombaumeistervereinigung gepflegt. Außerdem war ein deutscher Steinmetz, der in Trondheim lebt und arbeitet, im vergangenen Jahr für ein paar Wochen an der Turmbaustelle des Freiburger Münsterturms tätig. Für Ilka ein glücklicher Zufall, da sie in ihrer norwegischen Wirkungsstätte einen direkten deutschsprachigen Ansprechpartner hatte. So konnte sie Einblicke gewinnen, wie die Norweger leben – inklusive Essenseinladungen, wie z. B. zum typischen Taco-Essen am Freitag oder zu einer Weihnachtsfeier, bei der es ein traditionelles Lammgericht gab.
 
Das absolute Highlight ist für Ilka der Schnee gewesen: „Es ist einfach eine andere Winterstimmung, wenn nicht gestreut wird“, erzählt die junge Auszubildende. Sie habe es genossen, die winterliche Stadt zu erkunden und Elch-Schlüsselanhänger als Mitbringsel zu shoppen – auch wenn die Sonne nur für wenige Stunden über Mittag zu sehen gewesen sei: „Gegen 15 Uhr war es schon fast dunkel“.
 
Auch in der Bauhütte ist sie in eine andere Welt eingetaucht. Ilka hat zwar eigenes Werkzeug mitgenommen, hat es aber nicht gebraucht. Denn der Knüpfel, der zu ihren Hauptwerkzeugen in Freiburg gehört, ist in Trondheim z. B. unbekannt. Das liegt u. a. an dem anderen Material: In der Trondheimer Bauhütte wird mit Speckstein aus Norwegen gearbeitet. Ilka beschreibt ihn als „weicher, aber trotzdem schwerer zu bearbeiten – ein ganz anderes Arbeiten als an unserem Sandstein“. Außerdem besteht die Trondheimer Bauhütte aus einem Gebäudekomplex mit mehreren Bereichen. Neben Steinmetzen sind dort auch Glaser, Maler, Gipser, Schmiede und Schreiner beschäftigt. Im gemeinsamen Aufenthaltsraum kommen sie dann immer zusammen – oder an den einzelnen Baustellen am Nidarosdom. Ilka hat ein eigenes Werkstück bearbeitet, für das Königsportal am seitlichen Chor der Großkirche. Sie ist nicht ganz fertig geworden mit der Bearbeitung, sodass ein Kollege die Fertigstellung des Stücks übernehmen wird, was aber nicht weiter schlimm ist. Denn für Ilka steht fest: Sie möchte nach Norwegen zurückkehren, um die Fjordlandschaften näher zu erkunden und Polarlichter zu sehen. Bei der Gelegenheit kann sie dann ihren fertigen Stein am romanisch-gotischen Dom von Trondheim begutachten.

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Bilder

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+++ Ilka Wieber bei der Arbeit in der Trondheimer Münsterbauhütte. Foto: privat +++

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+++ Der romanisch-gotische Dom von Trondheim. Foto: privat +++