„Man gibt nicht nur, man bekommt auch etwas zurück“

Simone Gass hat ein Auge für Qualität. Hat einen Blick für hochwertige Kombinationen und wohnliche Accessoires. Lässt sich Zeit, für ihre Kunden die richtigen Materialien und Produkte zusammenzustellen. Bei ihrer täglichen Arbeit als Raumausstatterin sieht sie sofort, welche Stoffe und Muster perfekt aufeinander abgestimmt sind. Aber auch in ihrem Ehrenamt schaut sie ganz genau hin: Als Mitglied im Gesellenprüfungsausschuss für das Raumausstatter-Handwerk bei der Handwerkskammer Freiburg bewertet sie die Zwischen- und Abschlussprüfungen des Handwerkernachwuchses. Zudem ist sie Vorsitzende des Gesellenprüfungsausschusses für Polster- und Dekorationsnäher. „Die Fachkräfte der nächsten Generationen kennenzulernen und zu prüfen, ist eine tolle Erfahrung“, sagt die 46-Jährige.

Beitrag zur Zukunft des Handwerks
Mit dem ehrenamtlichen Einsatz möchte Gass nicht nur die Qualität des Handwerks sichern, sondern auch dessen Zukunft. Viele Jahre hat die Raumausstatterin in ihrem Betrieb ausgebildet. Aus Zeitgründen musste sie das schweren Herzens einstellen. Als Prüferin setzt sie hier noch einmal anders an: „Man kann auf einer anderen Ebene – zusätzlich zum Betrieb – etwas zur Zukunft des gesamten Handwerks beitragen.“ Sie setzt sich hier gerade auch deshalb ein, weil sie findet: „Handwerk ist absolut zukunftsfähig. Keine Künstliche Intelligenz kann es ersetzen.“

Das wird auch bei den Prüfungen sichtbar, die Gass abnimmt. Mehrere Tage haben die Prüflinge Zeit, sogenannte „Kojen“ zu gestalten. Danach ist der Prüfungsausschuss am Zug. „Die Bewertungsphase ist zeitintensiv“, sagt sie. Zusätzlich zur Bewertung der praktischen Arbeiten findet auch ein Prüfungsgespräch statt. Danach kommt für Gass immer ein besonders ergreifender Moment, wenn sie als Prüfungsmitglied oder -vorsitzende den Prüflingen zur bestandenen Prüfung gratulieren kann. „Es ist eine Mischung aus Freude, Stolz und Erleichterung, die man dann in den Gesichtern sieht.“ In ihren Augen ist es richtig und wichtig, dass sie als Prüferin auch honoriert, dass die jungen Menschen eine Etappe in ihrem Berufsleben geschafft haben. „Mit fehlt bei den jungen Leuten ganz oft der Stolz auf ihr Gewerk“, sagt Gass. Daher möchte sie als Prüferin ein Bewusstsein dafür schaffen.

„Eine tolle Gemeinschaft“
Die selbstständige Unternehmerin ist auch zweifache Mutter. Wie bekommt man Arbeit, Familie, Freizeit und Ehrenamt unter einen Hut? „Eigentlich nicht“, lacht die Freiburgerin. „Man muss Prioritäten setzen.“ Die Kinder kennen es schon, dass Mama einige Tage in Sachen Prüfungen unterwegs ist. „Manchmal geht das Engagement dann auch auf Kosten des Betriebs.“. Aber das ist für Gass okay. Der Betriebsinhaberin hilft zeitgleich nämlich auch der fachliche Austausch unter Kolleginnen und Kollegen weiter. „Man gibt nicht nur, man bekommt auch etwas zurück“, macht sie deutlich.

Zu ihrem Ehrenamt ist die 46-Jährige durch ihren Ausbilder und späteren Chef gekommen. Auch der brachte sich immer für Innung und Gewerk ein. Nach seinem Vorbild wurde Gass im Gesellenprüfungsausschuss tätig – erst als Arbeitnehmervertreterin, nach ihrem Schritt in die Selbstständigkeit als Arbeitgebervertreterin. Der Ausschuss setzt sich aus verschiedenen Partnern zusammen, neben Betriebsinhabern und Arbeitnehmervertretern sind auch Fachlehrer dabei. „Dieses Dreieck ist spannend und bereichernd“, berichtet Gass. „Eine tolle Gemeinschaft, ich bin gerne dabei.“

Sie selbst stellt sich nicht gerne in den Mittelpunkt. „Ich finde aber auch gut, dass junge Frauen am Ende ihrer Ausbildung sehen: Es gibt auch Frauen, die dem Raumausstatter-Handwerk treu bleiben, die sich selbstständig machen, die erfolgreich sind.“ Dafür ist die Raumaustatterin gerne Vorbild. Passend dazu ist sie vor Kurzem Teil des Mentorinnen-Netzwerks der Handwerkskammer Freiburg geworden. Dort unterstützen erfahrene Handwerkerinnen junge Frauen, die gerade ins Handwerk starten. „Das hätte ich gerne auch selbst gehabt“, verrät Gass. „Ich bin erfolgreich meinen eigenen Weg gegangen, aber Unterstützung wäre auf jeden Fall hilfreich gewesen.“

Was empfiehlt sie Handwerkerinnen und Handwerkern, die überlegen sich ebenfalls ehrenamtlich zu engagieren? „Auf jeden Fall ausprobieren, unvoreingenommen reingehen.“ Wichtig auch: „Nicht nur eine Funktion erfüllen, sondern das Amt mit Leben füllen.“ Dann erfahre man noch einmal auf einer ganz anderen Ebene eine Sinnhaftigkeit im Handwerk.